literatur

»Die große Zange der Literatur«
Symposium, Literaturfest und Ausstellung
Günter Brus und Dieter Roth – Künstlerdichter

20. bis 23. september 2018
kunsthaus muerz

Günter Brus und Dieter Roth waren freundschaftlich, in den siebziger Jahren auch durch Kooperationen, miteinander verbunden. Ihr literarisches Werk – bei beiden handelt es sich keineswegs um Nebenprodukte oder Seitenwege – steht bis heute im Schatten ihrer längst international beachteten Kunst. Während sich im Œuvre von Günter Brus Text und Bild untrennbar durchdringen, betrachtete Dieter Roth seine Dichtung – publiziert in einer Reihe von Künstlerbüchern – sogar als seine Haupttätigkeit und sprach davon, dass seine Kunst dazu diene, die literarische Arbeit zu finanzieren.

Das Symposium „Künstlerdichter“ will erstmals konzentriert den Fokus auf das literarische Schreiben von Brus und Roth lenken. In Vorträgen von AutorInnen und LiteraturwissenschaftlerInnen wird Brus’ und Roths stärker der Literatur zuordenbares Werk beleuchtet, aber auch das verwickelte Verhältnis von Text und Bild in den Blick genommen. An den Abenden lesen AutorInnen, auf die das Werk der beiden einen entscheidenden Einfluss ausgeübt hat, aus ihren Werken.

Nach einer frühen konkreten Phase im Umkreis der Zeitschrift „spirale“, die er 1953 gemeinsam mit Eugen Gomringer gründete, begann Dieter Roth zu „schmieren“ und zu „wüten“, verwurstete Bücher zu „Literaturwürsten“ und führte das Künstlerbuch an radikale Grenzen. 1966 erschien der Gedichtband „Scheisse“, der in der Folge noch eine Reihe von Erweiterungen erfuhr.

Günter Brus hat neben seinem bildkünstlerischen und aktionistischen Werk seit den frühen siebziger Jahren im intermedialen Bereich zwischen Literatur und Kunst eine originäre „Zwischengattung“ entworfen: Seine „Bilddichtungen“ verzahnen die unterschiedenen Symbolsysteme von Bild und Sprache in blitzhaft einander erhellenden Ausdruckszeichen, die nicht Vorgängiges in zweifacher Weise abbilden, sondern ausschließlich auf diese Weise Ausdrückbares erschaffen.



Aber auch in der reinen literarischen Gestaltung hat Brus, z.B. in seinen autobiographischen Schriften („Die gute alte Zeit“, „Das gute alte Wien“, "Das gute alte West-Berlin", "Von nirgendwo her bis irgendwo hin"), eine aus dem Bilddenken heraus motivierte Sprache erfunden, gerade wenn er in diesen Schriften häufig auf die Montage von vorgefundenen Sätzen setzt.
Wer sich dem dichterischen und bildnerischen Werk des 1998 verstorbenen Künstlers Dieter Roth in analytischer Betrachtung nähert, gerät unweigerlich in die Gefahr, dass der Blick von Spiegeln verstellt wird, die Roth selbst aufgestellt hat, und die interpretatorischen Volten auf dem immer blanker werdenden Glatteis unschön ausgleiten. Dennoch könnte der Nachvollzug des Scheiterns bei der Beschäftigung mit diesem entropischen Anti-Gesamtkunstwerk, zu dem sich Roths Kunst und Lebenspraxis zunehmend auswuchsen, einiges erfahren lassen über die Grenzen der Malerei und Poesie und deren Einschätzung durch einen diese überschreitenden (oder: -hüpfenden) Künstlerdichter.


Programm

donnerstag, 20.9.2018 / 19.00 uhr
galerie kunsthaus muerz

Eröffnung der Ausstellung
Günter Brus und Dieter Roth
Zur Ausstellung spricht Roman Grabner

Dauer der Ausstellung: 21.10.2018

freitag, 21.9.2018 / kunsthaus muerz
10.00 – 13.00 uhr

Block: Künstlerdichter I: Günter Brus

Roman Grabner:
„Die Gegensätze schwinden im Rausch". Zu den Bild-Dichtungen von Günter Brus

Mechthild Rausch:
Exil mit Pauken und Trompeten. Der literarische und
musikalische output von Günter Brus und seinen
Freunden in der Berliner Verbannung

Gisela Steinlechner:
WORTISSIMO! Einige Beobachtungen zu Günter
Brus´ „Direktdichtung“

15.00 – 18.00 uhr
Block: Künstlerdichter II: Dieter Roth

Johannes Ullmaier:
»Der mit sich durch die Scheisse geht.
Über Dieter Roths lyrische Spur«

Florian Neuner:
Unter einer Schutzschicht aus Dreck. Koprolalie,
Entropie, Subversion

Georg Oberhumer:
Einige Fehler, die sich die Literatur von Dieter Roth erlaubt

19.00 uhr
Lesungen

Gundi Feyrer, Christian Filips, Nils Röller &
Christian Steinbacher
Moderation: Florian Neuner


samstag, 22.9.2018 / kunsthaus muerz
10.00 – 13.00 uhr

Block: »Der Zustand des Papiers« – Dieter Roths
Frühwerk zwischen Buchkunst und Sprachkritik

Michael Glasmeier:
Konstellationen. Dieter Roths literarische Anfänge

Maggie Rosenau:
The Medium is The Poem: Reading Semiotic Nothingness in Dieter Roth’s Early Books

Thomas Eder:
»der Pseudo-mitteilungscharakter des Poetischen«.
Mundunculum, ein tentatives Logico-Poeticum

14.30 – 18.30 uhr
Block: »Noch mehr Scheisse« – Roth-Lektüren

Will Krieger:
Der Witz des strategischen Dilettantismus: Dieter
Roths »Bastel-Novelle Nr. 1«

Franz Josef Czernin:
Zu Dieter Roths Sonetten und einigen anderen Dingen

Bertram Reinecke:
»Man sah das Meer so wie man sah«. Relektüre
eines Sonetts

Paul Pechmann:
murmelt murmel? zu Dieter Roths konzeptuellem stück »murmel« (1974)

19.00 uhr
Film:
Dieter Roths letzte Lesung

Performance:
DieDiterminierung!
Eine Post-Fluxus-Aktion von Maximilian Brauer

sonntag, 23.9.2018 / kunsthaus muerz
09.30 – 11.00 uhr

Block: »poeterei und posiererei« – nach Dieter Roth

Malcolm Green:
Translation, transliteration, translocation …
Dieter Roth als Hinübersetzer

Mara Genschel:
Übungen gegen Dieter Roth

11.00 – 13.00 uhr
Abschließende Podiumsdiskussion:
Thomas Eder, Malcolm Green, Florian Neuner,
Mechthild Rausch, Nils Röller, Johannes
Ullmaier, Ingrid Wiener


freier Eintritt


In Zusammenarbeit mit dem BRUSEUM/Neue Galerie Graz
Universalmuseum Joanneum


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